Kognitive Störungen bei Depression

Eine Vielzahl von Untersuchungen bestätigt, dass Patienten mit unipolarer Depression kognitive Defizite im Bereich des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit und der Exekutivfunktionen aufweisen (eigene Studien z.B. Moritz et al., 2001, 2002), die jedoch zu einem großen Teil auf sekundäre Faktoren wie eine Minderung der Testmotivation sowie Testängstlichkeit zurückgehen (Moritz et al., 2017). Diesen Beeinträchtigungen sowie anderen neuropsychologischen Grundlagenfragestellungen zu Depression gehen wir in unseren Forschungsarbeiten nach. Exemplarisch sind im Folgenden einzelne Ergebnisse eigener Studien zusammengefasst. Weitere Befunde sind den Publikationen, die unten aufgeführt sind, zu entnehmen.

In einer eigenen Untersuchung unter Verwendung einer emotionalen Variante des Deese-Roediger-McDermott Paradigmas zeigten depressive Personen in Übereinstimmung mit einem Vorbefund bessere Erinnerungsleistungen für emotionales (relativ zu neutralem) Material als gesunde Personen (Moritz et al., 2005). Interessanterweise wurden emotionale und hier v.a. depressive Distraktor-Items (d.h. nicht-gelernte Wörter, die in der späteren Wiedererkennungsphase unter das Lernmaterial gestreut wurden) von depressiven Menschen signifikant häufiger falsch erinnert. Dies wird als Hinweis dafür gewertet, dass sich negativ gefärbte Intrusionen über den Erinnerungsvorteil für negative Episoden hinaus leichter im Gedächtnis depressiver Menschen einnisten. In einer abgeschlossenen Untersuchung (siehe Moritz et al., 2008) wiesen depressive Patienten nur dann einen Stimmungskongruenzeffekt auf (d.h. bessere Erinnerung für depressionsrelevantes Material), wenn die Information als salienter (d.h. als persönlich bedeutsam) erlebt wurde. Wir gehen davon aus, dass Bewertungsunterschiede bezüglich der Salienz und nicht so sehr der Valenz die Ursache des Stimmungskongruenzeffektes bei Depression darstellen (Diplomarbeit Kirsten Riedesel; Kooperation mit Marina G. Arzola, Stanford). In einer weiteren Arbeit aus unserer Arbeitsgruppe (Wittekind et al., 2014) konnten die Befunde hinsichtlich der Bedeutung von Valenz und Salienz bei Fehlerinnerungen weitgehend bestätigt werden.

Neben der Gedächtnisleistung haben wir in einer kürzlich abgeschlossenen Untersuchung die Identifikation von standardisierten (emotionalen) Gesichtsausdrücken bei depressiven Frauen untersucht. Dabei wurde nicht nur die Fehlerrate bei der Emotionsidentifikation, sondern auch die Urteilssicherheit mit der einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. In der Auswertung zeigten sich schlechtere Leistungen hinsichtlich der Identifikation von „Ekel-Reaktionen“ bei Depression. Ferner schätzen depressive Frauen ihre falschen Antworten eher als „sicher“ im Vergleich zu den gesunden Probandinnen ein (siehe Fieker et al., 2016).

In Kooperation mit der Arbeitsgruppe um Prof. Christian Otte werden die therapeutischen Konsequenzen der Modulation des Mineralkortikoidrezeptors auf kognitive Funktionen sowie der Zusammenhang zwischen Kognition und Cortisol sowie der Zusammenhang zwischen Testosteron und Gedächtnisdefiziten bei Depression untersucht (Dettenborn et al., 2013, Hinkelmann et al., 2009, 2012a, 2012b, 2013; Otte et al., 2010). Es konnte u.a. gezeigt werden, dass kognitive Defizite bei Depression mit einem erhöhten Cortisol-Level assoziiert und Verbesserungen (einiger kognitiven Domänen) eher auf eine abnehmende Cortisol-Ausschüttung und weniger auf eine verbesserte Stimmung zurückzuführen sind.

Neben grundlagenorientierten Themen beschäftigt uns die Frage, wie die Depressionsbehandlung verbessert werden könnte. Dabei geht es uns zum einen um die inhaltliche Berücksichtigung von empirischen Befunden in der Therapie und zum anderen um ihre stärkere Verbreitung. In den letzten Jahren haben wir ein Metakognitives Training für Depression (D-MKT) entwickelt, in welches Erkenntnisse aus grundlagenorientierten Arbeiten miteingeflossen sind. Zum anderen haben wir uns zum Ziel gesetzt, einige Therapieangebote zur Selbsthilfe sowie Online-Interventionen zu evaluieren (siehe nächster Punkt).

Psychologische Online-Interventionen

Obwohl die Wirksamkeit verschiedener Depressionstherapien gut belegt werden konnte, erhalten Durchschnitt nur ca. 50% der Personen mit depressiven Symptomen zum Zeitpunkt der Erkrankung eine Depressionstherapie. Ursachen für diese Behandlungslücke lassen sich einerseits in einer defizitären Versorgung seitens des Gesundheitssystems finden (z.B. durch lange Wartezeiten auf ambulante Therapieplätze), andererseits aber auch in Behandlungsbarrieren bei betroffenen Personen selbst. In einer eigenen Studie wurden bei depressiven Personen insbesondere die Befürchtung einer schlechten therapeutischen Beziehung, allgemeine Skepsis gegenüber Psychotherapie und Angst vor Stigmatisierung deutlich (Moritz, Schröder, Meyer, Hauschildt, 2012). Bei Patienten mit depressiven Symptomen, die mit neurologischen Störungen einhergehen, kommen darüber hinaus auch körperliche oder transportbedingte Barrieren mit hinzu. Aufgrund der großen Behandlungslücke evaluieren wir zunehmend auch niedrigschwellige Therapieangebote, wie internetbasierte Selbsthilfeansätze. Es gibt bereits eine breite Evidenz für die Effektivität von psychologischen Online-Interventionen. In den Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe zeigte sich die Wirksamkeit einer solchen Online-Intervention bei primär depressiven Patienten im kleinen bis mittleren Effektstärkebereich (Moritz et al., 2012), im kleinen Effektstärkebereich bei Patienten mit Epilepsie und komorbider Depression (Schröder et al., 2014) und im mittleren Effektstärkebereich bei Patienten mit Multipler Sklerose und depressiven Symptomen (Fischer et al., 2014).

Des Weiteren war unsere Arbeitsgruppe auch Teil des multizentrischen EVIDENT-Projekts zur Überprüfung der Wirksamkeit von deprexis an über 1000 Personen mit depressiven Symptomen über einen Zeitraum von drei Jahren (eine Liste der aus der EVIDENT Studie resultierenden Publikationen finden Sie unten).

Hauptbeteiligte

  • Prof. Dr. Steffen Moritz
  • Prof. Dr. Lena Jelinek
  • Dipl.-Psych. Martina Fieker

Kooperationspartner

  • PD Dr. Sönke Arlt (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg)
  • PD Dr. Kim Hinkelmann (Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité, Berlin)
  • Dr. med. Holger Jahn (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg)
  • PD Dr. Philipp Klein (Universität Lübeck)
  • Prof. Dr. Christian Otte (Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité, Berlin)
  • Dr. Johanna Schröder (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg)

Publikationen

Dettenborn, L., Hinkelmann, K., Muhtz, C., Gao, W., Wingenfeld, K., Spitzer, C., . . . & Otte, C. (2013). Hair testosterone and visuospatial memory in middle-aged men and women with and without depressive symptoms. Psychoneuroendocrinology, 38, 2373-2377.

Fieker, M., Moritz, S., Köther, U. & Jelinek, L. (2016). Emotion recognition in depression: An investigation of performance and response confidence in adult female patients with depression. Psychiatry Research, 242, 226-232.

Fischer, A., Schröder, J., Vettorazzi, E., Wolf, O., Pöttgen, J., Lau, S., Heesen, C., Moritz, S. & Gold, S. (2015). An online programme to reduce depression in patients with multiple sclerosis: a randomised controlled trial. The Lancet Psychiatry, 2, 217-223.

Hinkelmann, K., Moritz, S., Botzenhardt, J., Muhtz, C., Wiedemann, K., Kellner, M. & Otte, C. (2012a). Changes in cortisol secretion during antidepressive treatment and cognitive improvement in patients with major depression: A longitudinal study. Psychoneuroendocrinology, 37, 685-692.

Hinkelmann, K., Moritz, S., Botzenhardt, J., Riedesel, K., Wiedemann, K., Kellner, M. & Otte, C. (2009). Cognitive impairment in major depression: Association with salivary cortisol. Biological Psychiatry, 66, 879-885.

Hinkelmann, K., Moritz, S., Botzenhardt, J., Riedesel, K., Wiedemann, K., Kellner, M. & Otte, C. (2012b). Cognitive changes in cortisol secretion during antidepressive treatment and cognitive improvement in patients with major depression: A longitudinal study. Psychoneuroendocrinology, 37, 685-692.

Hinkelmann, K., Muhtz, C., Dettenborn, L., Agorastos, A., Moritz, S., Wingenfeld, K., . . . & Otte, C. (2013). Association between cortisol awakening response and memory function in major depression. Psychological Medicine, 43, 2255-2263.

Jelinek, L., Otte, C., Arlt, S. & Hauschildt, M. (2013). Denkverzerrungen erkennen und korrigieren: Eine Machbarkeitsstudie zum Metakognitiven Training bei Depressionen (D-MKT). Zeitschrift Für Psychiatrie, Psychologie & Psychotherapie, 61, 1–8.

Moritz, S., Birkner, C., Kloss, M., Jacobsen, D., Fricke, S., Böthern, A. & Hand, I. (2001). Impact of comorbid depressive symptoms on neuropsychological performance in obsessive-compulsive disorder. Journal of Abnormal Psychology, 110, 653-657.

Moritz, S., Gläscher, J. & Brassen, S. (2005). Investigation of mood-congruent false and true memory recognition in depression. Depression & Anxiety, 21, 9-17.

Moritz, S. & Graf, P. (2006). Performance of depressive and healthy participants on an affective priming task using word pronunciation. German Journal of Psychiatry, 9, 1-9.

Moritz, S., Hörmann, C. C., Schröder, J., Berger, T., Jacob, G. A., Meyer, B., . . . & Klein, J. P. (2014). Beyond words: Sensory properties of depressive thoughts. Cognition & Emotion, 28, 1047-1056.

Moritz, S., Kloss, M., Jahn, H., Hand, I., Haasen, C. & Krausz, M. (2002). Executive functioning in obsessive-compulsive disorder, unipolar depression and schizophrenia. Archives of Clinical Neuropsychology, 17, 477-483.

Moritz, S., Schilling, L., Hauschildt, M., Schröder, J. & Treszl, A. (2012). A randomized controlled trial of Internet-based therapy in depression. Behaviour Research & Therapy, 50, 513-521.

Moritz, S., Schröder, J., Meyer, B. & Hauschildt, M. (2013). The more it is needed, the less it is wanted: Attitudes toward face-to-face intervention among depressed patients undergoing online treatment. Depression &  Anxiety, 30, 157-167.

Moritz, S., Stöckert, K., Hauschildt, M., Lill, H., Jelinek, L., Beblo, T., Dietrich, S. & Arlt, S. (2017). Are we exaggerating neuropsychological impairment in depression? Reopening a closed chapter. Expert Review of Neurotherapeutics, 17, 839-846.

Moritz, S., Voigt, K., Arzola, G. M. & Otte, C. (2008). When the half-full glass is appraised as half empty and memorised as completely empty: Mood-congruent true and false recognition in depression is modulated by salience. Memory, 16, 810-820.

Otte, C., Hinkelmann, K., Moritz, S., Yassouridis, A., Jahn, H., Wiedemann, K. & Kellner, M. (2010). Modulation of the mineralocorticoid receptor as add-on treatment in depression: A randomized, double-blind, placebo-controlled proof-of-concept study. Journal of Psychiatric Research, 44, 339-346.

Schröder, J. (2014). Psychotherapeuten und psychologische Online-Interventionen. [Psychotherapists and psychological online-interventions.] Psychotherapie Aktuell, 6, 33–36.

Schröder, J., Brückner, K., Fischer, A., Lindenau, M., Köther, U., Vettorazzi & Moritz, S. (2014). Efficacy of a psychological online intervention program for depression in people with epilepsy: A randomized controlled trial. Epilepsia, 55, 2069-76.

Wahl, K., Schönfeld, S., Hissbach, J., Küsel, S., Zurowski, B., Moritz, S., . . . & Kordon, A. (2011). Differences and similarities between obsessive and ruminative thoughts in obsessive-compulsive and depressed patients: A comparative study. Journal of Behavior Therapy & Experimental Psychiatry, 42, 454-461.

Wittekind, C. E., Terfehr, K., Otte, C., Jelinek, L., Hinkelmann, K. & Moritz, S. (2014). Mood-congruent memory in depression - The influence of personal relevance and emotional context. Psychiatry Research, 215, 606-613.

Publikationen von der EVIDENT Studie

Schröder, J., Berger, T., Meyer, B., Lutz, W., Späth, C., Michel, P., Rose, M, Hautzinger, M., Hohagen, F., Klein, J. P. & Moritz, S. (2018). Impact and change of attitudes toward Internet interventions within a randomized controlled trial on individuals with depression symptoms. Depression & Anxiety, 35, 421-430.

Schneider, B. C., Schröder, J., Berger, T., Hohagen, F., Meyer, B., Späth, C., Greiner, W., Hautzinger, M., Lutz, W., Rose, M., Moritz, S. & Klein, J. P. (2018). Bridging the digital divide: A comparison of use and effectiveness of an online intervention for depression between digital immigrants and digital natives. Journal of Affective Disorders, 236, 243-251.

Fuhr, K.*, Schröder, J.*, Berger, T., Moritz, S., Meyer, B., Lutz, W., Hohagen, F., Hautzinger, M.* & Klein*, J. P. (2018). The association between adherence and outcome in an Internet intervention for depression. Journal of Affective Disorders, 229, 443-449. *split authorship for first and last authors

Klein, J. P., Späth, C., Schröder, J., Meyer, B., Greiner, W., Hautzinger, M., Lutz, W., Rose, M., Vettorazzi, E., Andersson, G., Hohagen, F., Moritz, S. & Berger, T. (2017b). Time to remission from mild to moderate depressive symptoms: One year results from the EVIDENT-study, an RCT of an internet intervention for depression. Behaviour Research & Therapy, 97, 154-162.

Klein, J.P., Gamon, C., Späth, C., Berger, T., Meyer, B., Hohagen, F., Hautzinger, M., Lutz, W., Vettorazzi, E., Moritz, S. & Schröder, J. (2017a). Does recruitment source moderate treatment effectiveness? A subgroup analysis from the EVIDENT study, a randomised controlled trial of an internet intervention for depressive symptoms. BMJ Open. 7, e015391.

Klein, J. P., Berger, T., Schröder, J., Späth, C., Meyer, B., Caspar, F., Lutz, W., Arndt, A., Greiner, W., Gräfe, V., Hautzinger, M., Fuhr, K., Rose, M., Nolte, S., Löwe, B., Anderssoni, G., Vettorazzi, E., Moritz, S. & Hohagen, F. (2016). Effects of a Psychological Internet Intervention in the Treatment of Mild to Moderate Depressive Symptoms: Results of the EVIDENT Study, a Randomized Controlled Trial. Psychotherapy & Psychosomatics, 85, 218-228.

Klein, J. P., Berger, T., Schröder, J., Späth, C., Meyer, B., Caspar, F. & Moritz, S. (2013). The EVIDENT-trial: Protocol and rationale of a multicenter randomized controlled trial testing the effectiveness of an online-based psychological intervention. BMC Psychiatry, 13, 239.