Zwangsstörungen stellen seit vielen Jahren einen Schwerpunkt unserer Forschungsarbeit dar. Hierbei beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Bereichen, die sowohl die Grundlagenforschung (z.B. Gedächtnis, Informationsverarbeitung, kognitive Verzerrungen), die ein besseres Verständnis über die Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwängen erreichen soll, als auch die Entwicklung und wissenschaftliche Überprüfung konkreter Behandlungsangebote umfassen.

In den von uns entwickelten Therapie- und Selbsthilfeangeboten setzen wir gewonnene Erkenntnisse der Grundlagenforschung in konkrete Maßnahmen um. Für die Ergebnisse bereits abgeschlossener Projekten seien Interessierte auf die unten aufgeführte Literaturliste verwiesen. Eine Auswahl unserer Projekte ist im Folgenden ausführlicher dargestellt.

Gedächtnis, Metagedächtnis und Verantwortung

In einem von der DFG geförderten Projekt haben wir mögliche Zusammenhänge zwischen Dysfunktionen der Raumverarbeitung und des non-verbalen Gedächtnisses mit Zwangssymptomen untersucht. Die Ergebnisse erbrachten keine Hinweise auf spezifische non-verbale mnestische Defizite bei Zwang (Moritz et al., 2005; siehe auch Jelinek et al., 2006). In weiteren Studien haben wir Überlegungen in der Literatur aufgegriffen, wonach Zwangspatienten eher Defizite im Bereich des Metagedächtnisses (u.a. Urteilssicherheit, subjektive Bewertung des eigenen Leistungsniveaus) als im Bereich der Gedächtnisgenauigkeit aufweisen. Dabei konnten wir keinerlei Unterschiede zwischen gesunden Probanden und Zwangspatienten für Quellengedächtnis (betrifft u.a. das Wissen woher eine Information kommt), Urteilssicherheit oder die subjektive Lebendigkeit gespeicherter Gedächtnisepisoden aufzeigen (Moritz et al., 2006; Moritz, Kloss et al., 2009; Moritz et al., 2009). Minderungen des Metagedächtnisses bei Zwang traten nur dann auf, wenn die subjektive Verantwortung erhöht war (Moritz et al. 2007).

Informationsverarbeitung

Im Bereich der Informationsverarbeitung konnten wir, entgegen früherer Befunde anderer Arbeitsgruppen, keine Reduktion des Negative Priming-Effektes bei Zwangspatienten zeigen (Moritz et al., 2010). Hingegen fanden wir eine vergleichbare Verarbeitung untergeordneter lokaler versus übergeordneter globaler Strukturen in einem local-global Paradigma (Moritz et al., 2008b). Weitere Charakteristika der allgemeinen Informationsverarbeitung bei Zwang versuchten wir mit Verfahren genauer zu beleuchten, die speziell mit dem orbito-frontalen Kortex assoziiert sind (z.B. Delayed Alternation Task (DAT):  Moritz et al., 2009a;  Object Alternation Task (OAT): Moritz et al., 2009b).

Um die Besonderheiten der Informationsverarbeitung bei Zwang genauer zu untersuchen, nutzen wir folgende Paradigmen: Inhibition of Return Paradigm (IOR; Moritz et al., 2009d),  Emotional Stroop Test (EST, Moritz, Fischer et al., 2009), Retrieval Induced Forgetting Paradigm (RIF, Jelinek et al., 2012), Directed Forgetting Paradigm (DF, Moritz et al., 2011).

Weiterhin konnten wir in einer Onlinestudie erste Hinweise dafür finden, dass Zwangspatienten mehrdeutige Wörter (Homonyme) anders verarbeiten als gesunde Kontrollprobanden, indem die Patienten mit einer Zwangsstörung mehr Assoziationen zu Wörtern mit a) einem Zwangsbezug und b) einem negativen Kontext generieren (Jelinek et al., 2009). Diese Besonderheiten in der Informationsverarbeitung bei Zwangspatienten wurden von uns in einer neu entwickelten Technik "Assoziationsspaltung" zur Reduktion von Zwangsgedanken aufgegriffen (Moritz & Jelinek, 2011; Moritz et al., 2007). Unter dem Menüpunkt "Therapie" finden Sie nähere Informationen hierzu.  

Denkstile/ Kognitive Verzerrungen bei Zwängen

Denkverzerrungen (z.B. ein überhöhtes Verantwortungsgefühl oder die Überschätzung der Wahrscheinlichkeit von Gefahr) sowie Persönlichkeitsstilen (z.B. Perfektionismus oder Intoleranz für Ambiguität) kommt eine besondere Bedeutung bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwängen zu. In einem von uns entwickelten Selbsthilfemanual (myMCT) werden im Rahmen von 14 Einheiten diese und andere kognitive Verzerrungen sowie typische Befürchtungen (z.B. gefährlich oder schizophren zu sein) behandelt. Hierbei nutzen wir u.a. Ergebnisse eigener Studien (z.B. Moritz et al., 2011a; Moritz & Jelinek, 2009) zu zwangsrelevanten Denkstilen sowie neuere metakognitive Ansätze zur Behandlung von kognitiven Verzerrungen. Das Buch liegt in dritter Auflage im Springer Verlag vor (Moritz & Hauschildt, 2016). Das Selbsthilfemanual hat sich in einer ersten Onlinestudie gegenüber einer Wartegruppe als überlegen gezeigt (Moritz et al., 2011b). In einer BMBF-geförderten Folgestudie wurde das Manual auf seine langfristige Wirksamkeit überprüft, welche die Machbarkeit und Effektivität der Maßnahme bestätigte (Hauschildt et al., 2016). Seitdem konnte die Wirksamkeit in anderen Studien  mehrmals belegt werden. Weitere Informationen erhalten Sie über den Menüpunkt "Therapie".

Latente Aggression bei Zwang

In verschiedenen Studien unserer Arbeitsgruppe wurde die Frage untersucht, ob zwischenmenschliche Einstellungen von Zwangspatienten von hoher Ambivalenz gekennzeichnet sind, d.h. inwieweit prosoziale Einstellungen (z.B. hohe moralische Standards) antisozialen Impulsen (Misstrauen, latente Aggression) gegenüberstehen (Moritz et al., 2011; Moritz et al., 2013; Moritz et al., 2009). Um diese Annahme zu prüfen, entwickelten wir den Fragebogen Responsibility and Interpersonal Behaviors and Attitudes Questionnaire (RIBAQ, Moritz et al., 2009), welcher sich aus drei Subskalen zusammensetzt: überhöhte Verantwortung, Misstrauen und latente Aggression. In Übereinstimmung mit unserer Hypothese zeigten Zwangspatienten erhöhte Werte bei Items, welche Verantwortung und Sorge um andere, v.a. nahestehende Personen, erfassen. Gleichzeitig waren latente Aggression und Misstrauen ebenfalls höher ausgeprägt im Vergleich zu gesunden Probanden (Moritz et al., 2011; Moritz et al., 2009) sowie Patienten mit Angststörung oder Depression (Moritz et al., 2009). Um Nachteilen expliziter Instrumente bei der Erfassung latenter Aggressionen (v.a. eingeschränkte Introspektion und soziale Erwünschtheit) zu begegnen, untersuchten wir aggressive Selbstkonzepte bei Zwangspatienten mit impliziten Maßen. Es zeigten sich Zusammenhänge zwischen Kontrollzwang und impliziten aggressiven Grundkonzepten, gemessen mit dem Implicit Association Test (IAT), wobei Zwangspatienten friedlichere Selbstkonzepte im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe aufwiesen (Cludius et al., 2017). In Folgestudien möchten wir latente Aggressionen bei Zwangspatienten mit verschiedenen impliziten Messverfahren genauer untersuchen. Die Studien sollen helfen zu ermitteln, ob die Zwangsstörung durch eine überkompensierte erhöhte latente Aggression oder aber durch eine übersensitive Selbstwahrnehmung normaler aggressiver Impulse gekennzeichnet ist.

Hauptbeteiligte

  • Prof. Dr. Steffen Moritz
  • Prof. Dr. Lena Jelinek
  • Dipl.-Psych. Birgit Hottenrott
  • Dr. Marit Hauschildt
  • Franziska Sophia Miegel, M.Sc.

Kooperationspartner (alphabetische Reihenfolge)

  • Dr. Barbara Cludius (LMU München, München, Germany)
  • Dr. Andrea Ertle (Humboldt Universität Berlin)
  • Dr. Ansgar Feist (Siegburg)
  • PD Dr. Susanne Fricke (Universität Hamburg)
  • Prof. Dr. Iver Hand (Falkenried, Hamburg)
  • Prof. Dr. Norbert Kathmann (Humboldt Universität Berlin)
  • Prof. Dr. Michael Kellner (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg)
  • PD Dr. med. Michael Rufer (Universität Zürich)
  • Dr. Alexander F. Schmidt (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)
  • Prof. Dr. Ulrich Voderholzer (Schön Klinik Roseneck, Prien am Chiemsee)
  • Prof. Dr. Michael Wagner (Klinik für Psychiatrie, Bonn)
  • Prof. Dr. Charlotte Wittekind (LMU München, München, Germany)

Literaturverzeichnis

Gedächtnis, Metagedächtnis und Verantwortung

Jelinek, L., Moritz, S., Heeren, D. & Naber, D. (2006). Everyday memory functioning in obsessive-compulsive disorder. Journal of the International Neuropsychological Society, 12, 746-749.

Moritz, S., Jacobsen, D., Willenborg, B., Jelinek, L. & Fricke, S. (2006). A check on the memory deficit hypothesis of obsessive-compulsive checking. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 256, 82-86.

Moritz, S., Kloss, M., Jacobsen, D., Kellner, M., Andresen, B., Fricke, S., Kerkhoff, G, Sieman, C. & Hand, I. (2005). Extent, profile and specificity of visuospatial impairment in obsessive-compulsive disorder (OCD). Journal of Clinical & Experimental Neuropsychology, 27, 795-814.

Moritz, S., Kloss, M., Jahn, H., Schick, M. & Hand, I. (2003). Impact of comorbid depressive symptoms on nonverbal memory and visuospatial performance in obsessive-compulsive disorder. Cognitive Neuropsychiatry, 8, 261-272.

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Informationsverarbeitung

Jelinek, L., Hottenrott, B. & Moritz, S. (2009). When cancer is associated with illness but no longer with animal or zodiac sign: Investigation of biased semantic networks in obsessive-compulsive disorder (OCD). Journal of Anxiety Disorders, 23, 1031-1036.

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Denkstile/ Kognitive Verzerrungen

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Moritz, S., Alpers, G. W., Schilling, L., Brooks, A., Willenborg, B. & Nagel, M. (2011a). Larger than life: Overestimation of the object size is moderated by personal relevance in obsessive-compulsive disorder. Journal of Behavior Therapy & Experimental Psychiatry, 42, 481-487.

Moritz, S. & Hauschildt, M. (2016). Erfolgreich gegen Zwangsstörungen: Metakognitives Training - Denkfallen erkennen und entschärfen [Successfully overcoming obsessive-compulsive disorder: Metacognitive training – Identifying and mitigating cognitive distortions.] (3. Auflage). Heidelberg: Springer.

Moritz, S. & Jelinek, L. (2009). Inversion of the “unrealistic optimism” bias contributes to overestimation of threat in obsessive-compulsive disorder. Behavioural & Cognitive Psychotherapy, 37, 179-193.

Moritz, S., Jelinek, L., Hauschildt, M. & Naber, D. (2011b). How to treat the untreated! Effectiveness of a self-help metacognitive training program (myMCT) for obsessive-compulsive disorder (OCD). Dialogues in Clinical Neuroscience, 12, 209-220.

Latente Aggression bei Zwang

Cludius, B., Schmidt, A. F., Moritz, S., Banse, R. & Jelinek, L. (2017). Implicit aggressiveness in patients with obsessive-compulsive disorder as assessed by an Implicit Association Test. Journal of Behavior Therapy &  Experimental Psychiatry, 55, 106–112.

Moritz, S., Kempke, S., Luyten, P., Randjbar, S. & Jelinek, L. (2011). Was Freud partly right on obsessive-compulsive disorder (OCD)? Investigation of latent aggression in OCD. Psychiatry Research, 187, 180–184.

Moritz, S., Niemeyer, H., Hottenrott, B., Schilling, L. & Spitzer, C. (2013). Interpersonal ambivalence in obsessive-compulsive disorder. Behavioural & Cognitive Psychotherapy, 41, 594-609.

Moritz, S., Wahl, K., Ertle, A., Jelinek, L., Hauschildt, M., Klinge, R. & Hand, I. (2009). Neither saints nor wolves in disguise: Ambivalent interpersonal attitudes and behaviors in obsessive-compulsive disorder. Behavior Modification, 33, 274–292.