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Retraining in sensu — Selbsthilfetechnik zur Reduktion von Verlangen/Craving

Zur Verminderung von Verlangen/Craving (z.B. nach Alkohol, Nikotin oder hochkalorischen Lebensmitteln) haben wir eine neue Selbsthilfetechnik, das „Retraining in sensu“ – die Umschulung in der Vorstellung – entwickelt und bereits in verschiedenen Studien erfolgreich erprobt.

Für die neue Technik haben wir ein ursprünglich computergestütztes Verfahren genutzt, das nun auch ohne Computer und somit deutlich flexibler und angepasst auf persönliche Problemlagen durchgeführt werden kann. Die Technik wurde bei Menschen mit starkem Verlangen nach Alkohol, Nikotin und hochkalorischen Lebensmitteln erprobt und erfolgreich bewertet (evaluiert). Über den unten stehenden Link können Sie die Leitfäden (Selbsthilfemanuale) „Nachdenken statt Nachschenken“ (Alkohol), „Loslassen statt Losnaschen“ (hochkalorische Lebensmittel) und „Retrain your Brain“ (Nikotin) beziehen.

Hintergrund: ursprüngliche und neue Technik

Übermäßiges Verlangen, das sogenannte Craving, nach bestimmten Substanzen ist weitverbreitet und spielt z.B. bei Alkohol- und Nikotinmissbrauch (Carvalho et al., 2019), aber auch bei übermäßigem, unkontrolliertem Essverhalten (Verzijl et al., 2018) eine große Rolle und trägt zu hohen Rückfallraten bei (Boswell & Kober, 2016; Stohs et al., 2019). Das „Retraining in sensu“ soll dazu führen, das Verlangen nach schädlichen Substanzen oder Lebensmitteln zu vermindern.

Die Technik macht sich unbewusste körperliche Prozesse zunutze, die bewirken, dass wir Dinge, die wir mögen, automatisch an uns heranziehen und wir uns diesen nähern (z.B. jemanden umarmen, zu uns heranwinken, uns neugierig annähern) und Dinge, die wir nicht mögen, automatisch von uns weisen, wegschieben oder uns davon distanzieren. Dieses Wechselspiel ist sowohl körperlich wie auch sprachlich stark verankert (wir reden z.B. davon, jemanden anziehend oder abstoßend zu finden) und bei praktisch allen Menschen vorhanden. Bei Suchtbetroffenen ist die Neigung, mit der Sucht verbundene Dinge heranzuziehen, nachweislich erhöht.

Die Vorgängerversion der von uns entwickelten Technik, das klassische „Retraining“, ist ein computergestütztes Verfahren, das dieser erhöhten Neigung entgegenwirken soll. Hierbei werden Betroffene angeleitet, Verlangen auslösende Bilder mit einem Joy-Stick von sich wegzudrücken und neutrale/positive Bilder zu sich heranzuziehen. Studien konnten zeigen, dass diese einfache Apparatur das Rückfallrisiko in der Tat vermindert. Diese sehr einfache Aufgabe wird jedoch von vielen Teilnehmenden durch die häufigen Wiederholungen als monoton empfunden. Die Teilnahmebereitschaft und die Wirkung sind damit entsprechend gering ausgeprägt (Cristea et al., 2016). Das von uns entwickelte „Retraining in sensu“, bei dem mit dem Verlangen verbundene oder neutrale Reize (Stimuli) „in der Vorstellung“ weggedrückt oder herangezogen werden sollen, bietet den Vorteil, dass die vorgestellten Bilder der Substanzen individuell angepasst werden können (z.B. Sorte/Marke eines alkoholischen Getränks). Darüber hinaus kann das Verfahren leicht in den Alltag eingebunden werden. Wieso der Name „Retraining in sensu“? Die ursprüngliche Technik wurde von der computergestützten Durchführung in die Vorstellung („in sensu“) verlagert.

Das „Retraining in sensu“ wurde bereits in mehreren randomisiert-kontrollierten Studien (d.h. zufällige Zuweisung der Versuchspersonen auf eine Bedingung, die die Maßnahme sofort erhält, und eine, die die Maßnahme nicht oder später erhält) in Bezug auf ihre Wirksamkeit und Akzeptanz erfolgreich erprobt. Bei Menschen mit problematischem Alkoholkonsum (Moritz et al., 2019b), Nikotinkonsum (Moritz et al., 2020) und Konsum von hochkalorischen Lebensmitteln (Moritz et al., 2019a) konnte das Verlangen nach der jeweiligen Substanz gegenüber einer Kontrollgruppe nachweislich vermindert und bei einer Untergruppe auch eine Verhaltensänderung bewirkt werden (u.a. Gewichtsreduktion). Die Technik wurde zudem in allen Studien von den Teilnehmenden als einfach anwendbar beschrieben und sehr gut angenommen.

Leitfaden

Wir sind auf Ihre Erfahrungen und Anregungen angewiesen, um die Technik selbst sowie die Verständlichkeit des Manuals weiter zu verbessern. Bitte nehmen Sie sich die Zeit für eine Rückmeldung an: Steffen Moritz (moritz@uke.de).

Leitfaden

Bei Interesse klicken Sie hier:

Publikationen

Boswell, R. G. & Kober, H. (2016). Food cue reactivity and craving predict eating and weight gain: a meta-analytic review. Obesity reviews : an official journal of the International Association for the Study of Obesity, 17, 159–177. Link zum Artikel (Abstract)

Carvalho, A. F., Heilig, M., Perez, A., Probst, C. & Rehm, J. (2019). Alcohol use disorders. Lancet (London, England), 394, 781–792. Link zum Artikel (Abstract)

Cristea, I. A., Kok, R. N. & Cuijpers, P. (2016). The effectiveness of cognitive bias modification interventions for substance addictions: a meta-analysis. PloS one, 11, e0162226. Link zum Artikel (Volltext)

Fridland, E. & Wiers, C. E. (2018). Addiction and embodiment. Phenomenology and the Cognitive Sciences, 17, 15–42. Link zum Artikel (Abstract)

Moritz, S., Göritz, A. S., Kraj, M., Hottenrott, B., Tonn, P., Ascone, L., Pedersen, A. & Kühn, S. (2020). Imaginal retraining reduces cigarette smoking: A randomized controlled study. European Addiction Research, 26, 355–364. Link zum Artikel (Abstract)

Moritz, S., Göritz, A. S., Schmotz, S., Weierstall-Pust, R., Gehlenborg, J., Gallinat, J. & Kühn, S. (2019a). Imaginal Retraining decreases craving for high calorie food in overweight and obese women. A randomized controlled trial. Translational Psychiatry, 9, 319. Link zum Artikel (Volltext)

Moritz, S., Paulus, A. M., Hottenrott, B., Weierstall, R., Gallinat, J. & Kühn, S. (2019b). Imaginal retraining reduces alcohol craving in problem drinkers: A randomized controlled trial. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 64, 158–166. Link zum Artikel (Abstract)

Stohs, M. E., Schneekloth, T. D., Geske, J. R., Biernacka, J. M. & Karpyak, V. M. (2019). Alcohol craving predicts pelapse after residential addiction treatment. Alcohol and alcoholism (Oxford, Oxfordshire), 54, 167–172. Link zum Artikel (Volltext)

Verzijl, C. L., Ahlich, E., Schlauch, R. C. & Rancourt, D. (2018). The role of craving in emotional and uncontrolled eating. Appetite, 123, 146–151. Link zum Artikel (Abstract)

Wiers, R. W., Boffo, M. & Field, M. (2018). What’s in a trial? On the importance of distinguishing between experimental lab studies and randomized controlled trials: the case of cognitive bias modification and alcohol use disorders. Journal of Studies on Alcohol and Drugs, 79, 333–343. Link zum Artikel (Abstract)

Wiers, R. W., Eberl, C., Rinck, M., Becker, E. S. & Lindenmeyer, J. (2011). Retraining automatic action tendencies changes alcoholic patients’ approach bias for alcohol and improves treatment outcome. Psychological Science, 22, 490–497. Link zum Artikel (Volltext)


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